Macht erkennen ·

Wer Geld erschafft, formt die Welt

Eine einfache Frage, die fast niemand richtig beantworten kann – und ihre Konsequenzen.

Stell jemandem im Bekanntenkreis eine Frage: Woher kommt das Geld, das wir benutzen?

Die meisten Antworten klingen so: Die Bundesbank druckt es. Die Zentralbank gibt es aus. Der Staat. Manche sagen: Aus dem Nichts. Andere sagen: Aus Gold-Reserven, die irgendwo lagern.

Die Mehrheit dieser Antworten ist falsch. Die richtige Antwort ist unbequem, und sie ist seit Jahrzehnten in Lehrbüchern und Notenbank-Veröffentlichungen nachzulesen. Die Deutsche Bundesbank hat sie 2017 in einem viel beachteten Aufsatz noch einmal in klarer Sprache zusammengefasst: Geld entsteht durch Buchung. Vor allem in Geschäftsbanken. Vor allem dann, wenn jemand einen Kredit bekommt.

Wer das einmal versteht, sieht das System anders. Und wer es nicht versteht, hat eine wesentliche Kraft in seinem eigenen Leben nicht im Blick.


Das wichtigste Werkzeug einer modernen Volkswirtschaft – die Geldschöpfung – liegt überwiegend in der Hand privater Akteure. Und das ist kein Versehen, sondern Design.

Die drei Geldarten

Bevor wir auf den eigentlichen Punkt kommen, eine wichtige Unterscheidung. In jeder modernen Volkswirtschaft existieren drei Formen von Geld parallel:

Bargeld – die Scheine und Münzen, die jeder kennt. Werden von der Zentralbank ausgegeben. Macht in der Eurozone aktuell nur etwa 10 bis 15 Prozent der gesamten Geldmenge aus.

Zentralbankgeld (Reserven) – elektronische Guthaben, die Geschäftsbanken bei der Zentralbank halten. Wird von der Zentralbank geschöpft. Spielt im Alltag der Bürger keine direkte Rolle, ist aber das Schmieröl zwischen den Banken.

Geschäftsbankengeld (Giralgeld) – die Zahlen auf deinem Konto. Das, was du ausgibst, überweist, abhebst. Macht den größten Teil der Geldmenge aus, in der Eurozone rund 85 bis 90 Prozent. Wird in den meisten Fällen nicht von der Zentralbank geschöpft, sondern von normalen Geschäftsbanken.

Diese letzte Aussage ist der Schlüssel. Die Frage “Wer schöpft Geld?” hat damit eine doppelte Antwort: Die Zentralbank macht Bargeld und Reserven. Die Geschäftsbanken machen den Großteil dessen, was wir im Alltag als Geld erleben.

Wie eine Bank tatsächlich einen Kredit vergibt

Die meisten Menschen stellen es sich so vor: Eine Bank sammelt Spareinlagen, und aus diesem Topf vergibt sie Kredite. Wer spart, finanziert also indirekt den, der sich Geld leiht. Diese Vorstellung ist intuitiv, und sie ist falsch.

Tatsächlich läuft eine Kreditvergabe so ab: Du gehst zur Bank, beantragst einen Kredit über 200.000 Euro für ein Haus. Die Bank prüft deine Bonität, deine Sicherheiten, das Objekt. Sagt: ja. Setzt einen Vertrag auf.

Im Moment der Auszahlung passieren in der Buchhaltung der Bank zwei Dinge gleichzeitig:

  • Auf der Aktivseite ihrer Bilanz erscheint eine neue Forderung gegen dich: 200.000 Euro Kreditforderung.
  • Auf der Passivseite erscheint eine neue Verbindlichkeit der Bank: 200.000 Euro auf deinem Konto, die du nun ausgeben kannst.

Das Geld, das jetzt auf deinem Konto liegt, ist neu. Es war vorher nicht da. Es wurde nicht von einem Sparer “abgezogen”. Es wurde geschaffen. Per Buchung. Durch zwei korrespondierende Einträge.

Genau das beschreibt die Deutsche Bundesbank in ihrem Monatsbericht: “Die Geldschöpfung erfolgt durch eine Buchungsoperation: Wenn eine Geschäftsbank einen Kredit vergibt, bucht sie dem Kreditnehmer den Kreditbetrag als Sichteinlage gut.”

In dem Moment, in dem du das Geld an den Hausverkäufer überweist, wandert es von deinem Konto zu seinem – möglicherweise bei einer anderen Bank. Aber an der Tatsache, dass es entstanden ist, ändert das nichts.

Was begrenzt diesen Mechanismus

Die nächste Frage drängt sich auf: Wenn Banken Geld einfach durch Buchung schaffen können – warum tun sie es nicht unbegrenzt?

Es gibt vier reale Begrenzungen:

Bonität der Kreditnehmer. Banken vergeben Kredite nur an Schuldner, von denen sie glauben, dass sie zurückzahlen können. Schlechte Kreditentscheidungen führen zu Ausfällen, die das Eigenkapital der Bank aufzehren.

Eigenkapital-Anforderungen. Aufsichtsbehörden verlangen, dass Banken zu jedem ausgereichten Kredit ein Mindestmaß an Eigenkapital halten. Wer kein Eigenkapital mehr hat, kann keine neuen Kredite vergeben.

Refinanzierungsbedarf. Wenn der Hausverkäufer dein neu geschaffenes Geld zu seiner eigenen Bank überweist, muss deine Bank dieser anderen Bank etwas geben – in der Regel Zentralbankgeld. Dieses Zentralbankgeld muss sich die Bank beschaffen, entweder von Einlegern oder von der Zentralbank selbst.

Geldpolitik der Zentralbank. Über Zinsen, Mindestreserven und Refinanzierungsbedingungen steuert die Zentralbank die Kosten, zu denen Geschäftsbanken sich Zentralbankgeld beschaffen können. Niedrige Zinsen machen Geldschöpfung billig, hohe Zinsen machen sie teuer.

Diese vier Bremsen sind real, und sie wirken. Aber sie verändern den Grundsachverhalt nicht: Geld entsteht in Geschäftsbanken durch Kreditvergabe. Was die Geldmenge insgesamt wachsen lässt, ist nicht die Sparquote der Bevölkerung. Es ist die Bereitschaft der Banken, neue Kredite zu vergeben – plus die Bereitschaft der Bevölkerung und der Unternehmen, sie zu nehmen.

Warum das eine Machtfrage ist

Wer Geld schaffen kann, entscheidet darüber, was finanziert wird. Welche Projekte realisierbar sind, welche im Sand verlaufen. Welche Wirtschaftszweige wachsen, welche schrumpfen.

In einer reinen Marktwirtschaft mit reinem Goldstandard wäre diese Macht stark begrenzt. Die Geldmenge wüchse nur so, wie neues Gold gefunden würde. Investitionen müssten aus echtem Sparen finanziert werden – also aus Konsumverzicht der Gegenwart zugunsten der Zukunft.

In einer Volkswirtschaft mit Fiat-Geld und Kreditgeldschöpfung ist es anders. Banken können – innerhalb der genannten Grenzen – Investitionen finanzieren, ohne dass irgendjemand vorher gespart hat. Das beschleunigt Wachstum. Es ermöglicht aber auch Übertreibungen.

Wenn neue Wohnungen mit neu geschöpftem Geld bezahlt werden, treibt das die Wohnungspreise. Nicht weil die Wohnungen besser wurden, sondern weil mehr Geld auf dasselbe Angebot trifft.

Das ist der Mechanismus hinter dem, was Volkswirte Vermögenspreisinflation nennen. In Phasen großzügiger Kreditvergabe steigen zuerst die Preise jener Güter, die kreditfinanziert gekauft werden: Immobilien, Aktien, Beteiligungen. Konsumgüter folgen oft erst mit Verzögerung.

Wer in dieser Phase Immobilien, Aktien oder Unternehmensbeteiligungen besitzt, sieht seinen Wert steigen. Wer auf einem Sparbuch sitzt, sieht zu, wie das Verhältnis zwischen seinem Geld und allem, was er damit kaufen könnte, schlechter wird.

Wer entscheidet, wer Kredit bekommt?

Hier wird es konkret und politisch. Wenn Geldschöpfung durch Kreditvergabe geschieht, dann sind Kreditentscheidungen der wichtigste Verteilungsmechanismus einer modernen Wirtschaft. Sie entscheiden, ob:

  • die Familie Müller das Haus bekommt oder weiter zur Miete wohnt
  • der Mittelständler die neue Maschine kauft oder die Investition verschiebt
  • der Konzern die Übernahme stemmen kann oder verzichtet
  • der Staat seine Anleihen platziert oder am Markt scheitert

Diese Entscheidungen treffen Banker. In Risikoabteilungen. Nach Regeln, die sich aus Gesetzen, Aufsichtsvorgaben und internen Bonitätsmodellen ergeben.

Es sind keine schlechten Menschen, die das tun. Es sind oft sehr ordentliche Leute, die unter regulatorischem Druck und mit begrenztem Spielraum arbeiten. Aber die Konsequenz bleibt: Eine kleine Berufsgruppe von Kreditsachbearbeitern, Modellrechnern und Vorständen entscheidet über die Geldmenge in der Wirtschaft, indirekt darüber, was finanziert wird, und letztlich darüber, welche Vermögenspreise steigen.

In Krisen kommt eine weitere Ebene hinzu: die Notenbank selbst. Über Quantitative Easing – also den Aufkauf von Wertpapieren am Markt – kann eine Zentralbank Geschäftsbanken mit zusätzlichem Zentralbankgeld versorgen, ihre Refinanzierungskosten senken und damit die gesamte Kreditmaschine ankurbeln. Genau das ist von 2015 bis 2022 in der Eurozone geschehen. Die Bilanz der EZB wuchs in diesen Jahren um den Faktor drei.

Was als technische Stabilitätsmaßnahme verkauft wurde, war zugleich eines der größten Verteilungsereignisse der jüngeren Wirtschaftsgeschichte. Vermögenswerte stiegen massiv. Konten- und Lohneinkommen folgten kaum.

Was das praktisch bedeutet

Aus dieser Mechanik ergibt sich kein einfacher Schluss “was zu tun wäre”. Es gibt seriöse Ökonomen, die für eine vollständige Rückkehr zu hartem Geld (Vollgeld, Goldstandard, Bitcoin als Währungsanker) plädieren. Es gibt mindestens ebenso seriöse, die argumentieren, dass moderne Volkswirtschaften ohne diese Kredit-Elastizität gar nicht funktionieren würden.

Beide Seiten haben Argumente. Was beide Seiten teilen, ist die Beschreibung des Sachverhalts. Geld entsteht durch Buchung. Vor allem in Geschäftsbanken. Vor allem durch Kreditvergabe. Wer das nicht weiß, kann die Entwicklung der Wirtschaft, der Vermögenspreise und der eigenen Kaufkraft nicht lesen.

Wer es weiß, sieht zumindest die Spielregeln, nach denen gespielt wird.

Drei einfache Beobachtungen folgen daraus für jeden Einzelnen:

Erstens. Wer Sachwerte besitzt – Immobilien, Aktien, Anteile an produktiven Unternehmen – partizipiert an der Geldschöpfung. Wer nur Konto-Guthaben hat, partizipiert nicht. Das ist keine Anlageempfehlung, sondern eine strukturelle Beobachtung.

Zweitens. Die scheinbar abstrakten Entscheidungen der Notenbanken – Zinssatz hoch, Zinssatz runter, neues Anleihekaufprogramm – haben sehr konkrete Folgen für sehr konkrete Menschen. Wer das versteht, kann eigene Entscheidungen besser einordnen.

Drittens. Reden über Geld als “neutral” oder “rein technisch” verschleiern, was Geld wirklich ist: ein gesellschaftliches Verteilungsinstrument, dessen Spielregeln von wenigen Akteuren gestaltet werden.

Daraus folgt nicht, dass diese Akteure böswillig handeln. Es folgt nur, dass sie handeln – mit Konsequenzen, die für jeden im Land spürbar sind, ob er die Mechanik versteht oder nicht.


Das nächste Thema in dieser Reihe ist der größere Rahmen: Was geschieht, wenn die so geschaffene Geldmenge ein bestimmtes Verhältnis zur produktiven Wirtschaft überschreitet? Was bedeutet das für Staaten, für Renten, für die eigene Zukunftsplanung?

Bis dahin lohnt sich eine einfache Übung: Schau dir den letzten Jahresbericht deiner Hausbank an. Schau, wie viele Kredite sie ausstehend hat. Vergleich das mit ihren Einlagen. Du wirst sehen: Die Kredite übersteigen die Einlagen meist deutlich. Was du dort siehst, ist Geld, das durch die Bank selbst entstanden ist – nicht durch Sparen.

Das ist der Anfang von Klarheit.


Geschrieben von Mathis Lenz. Über zwei Jahrzehnte in der deutschen Finanzbranche, tausende Beratungsgespräche, ein Blick auf das System, den die wenigsten Endkunden je zu sehen bekommen. Blind Insights teilt, was hinter den Kulissen wirklich passiert.

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