Wenn der Staat sich selbst zerlegt

Wie der Verteilungskampf zwischen Bund, Ländern und Kommunen im Stillen eskaliert.

Im Mai 2026 ist eine Idee gescheitert, die auf den ersten Blick harmlos wirkte: Eine steuer- und abgabenfreie Entlastungsprämie von tausend Euro, die Arbeitgeber ihren Beschäftigten freiwillig hätten zahlen können. Geplant von der Bundesregierung. Beschlossen im Bundestag. Abgelehnt vom Bundesrat – also der Kammer der Bundesländer.

Die Schlagzeile lautete dann: “Söder torpediert eigene Koalition.” Oder: “CSU stellt sich quer.” Es klang nach parteipolitischem Theater. Tatsächlich war es etwas anderes.

Es war ein kleines Lehrstück darüber, wie der deutsche Staat heute im Inneren funktioniert. Nicht über Reformen. Sondern über Verteilungskämpfe.


Die offizielle Erzählung sprach von Parteipolitik. Die ehrlichere Beschreibung lautet: Hier hat eine Staatsebene versucht, mit Geld zu bezahlen, das ihr nicht gehört.

Was die Prämie wirklich war

Auf dem Papier war die Geschichte einfach. Arbeitgeber konnten ihren Beschäftigten freiwillig bis zu tausend Euro zahlen – steuer- und abgabenfrei. Der Bund verzichtete auf die Lohnsteuer, die Sozialkassen auf ihre Beiträge. Den Beschäftigten blieb mehr im Portemonnaie. Den Unternehmen blieb es überlassen, ob sie überhaupt zahlen wollten.

Klingt freundlich. Klingt nach klassischer Entlastung in schwierigen Zeiten.

Das Problem an der Sache: Die Lohnsteuer, auf die der Bund verzichtet hat, gehört gar nicht allein ihm.

Wie Steuern in Deutschland verteilt werden

In Deutschland sind die meisten großen Steuern Gemeinschaftssteuern. Sie werden zentral eingenommen und nach festgelegten Schlüsseln zwischen Bund, Ländern und Kommunen aufgeteilt. Die Größenordnungen für 2024:

  • Lohn- und Einkommensteuer: 42,5 % Bund, 42,5 % Länder, 15 % Kommunen
  • Körperschaftsteuer: 50 % Bund, 50 % Länder
  • Umsatzsteuer: etwa 50 % Bund, 45 % Länder, 5 % Kommunen (je nach Jahr leicht schwankend)
  • Gewerbesteuer: überwiegend an die Kommunen (rund 70–85 %, der Rest an Bund und Land über die Gewerbesteuerumlage)

Diese Schlüssel sind im Grundgesetz und in den Finanzausgleichsgesetzen festgelegt. Sie sind das Fundament des deutschen Föderalismus: Jede Ebene des Staates erhält ihren Anteil und finanziert davon ihre Aufgaben.

Wer also Lohnsteuer “erlässt”, verzichtet nicht auf Geld, das nur dem Bund gehört. Er verzichtet auf Geld, das zur Hälfte an die Länder geflossen wäre und zu 15 Prozent an die Kommunen.

Der unausgesprochene Konflikt

Damit ist der eigentliche Mechanismus benannt. Wenn der Bund eine “Entlastungsprämie” anbietet, die steuer- und abgabenfrei ist, dann gibt er nicht “sein” Geld weg. Er reduziert die Einnahmen der gesamten staatlichen Finanzarchitektur – inklusive der Länder und Kommunen, die nicht gefragt wurden.

In juristischer Sprache nennt man so etwas einen Vertrag zu Lasten Dritter. Zwei Parteien einigen sich, und ein Dritter trägt die Folgen.

Die Größenordnung war nicht trivial. Schätzungen zur ausgefallenen Steuerwirkung bei voller Inanspruchnahme bewegten sich im einstelligen Milliardenbereich, mit dem überwiegenden Teil bei Ländern und Kommunen.

Vor diesem Hintergrund erklärt sich die Bundesrats-Abstimmung anders, als die Schlagzeilen es taten. Es waren nicht nur Länder einer bestimmten Parteifarbe, die ablehnten. Es waren Länder aller Couleur, deren Finanzminister rechnen können und wussten: Diese Entlastung zahlen wir mit.

Warum die Kommunen besonders nervös sind

Wer mit kommunalen Kämmerern spricht, hört seit Jahren denselben Befund: Die Lage ist klamm wie selten zuvor. Mehrere Faktoren laufen zusammen:

  • Steigende Sozialausgaben, von Unterkunftskosten bis Eingliederungshilfe
  • Höhere Energie- und Personalkosten
  • Aufgaben, die vom Bund delegiert wurden, ohne dass die Finanzierung mitgegeben wurde (das sogenannte Konnexitätsproblem)
  • Sinkende Gewerbesteuereinnahmen, weil die wirtschaftliche Aktivität in vielen Regionen schrumpft

Vor diesem Hintergrund wirkt eine zusätzliche Entlastung “von oben” zwar populär – aber auf der untersten Ebene des Staates, dort wo Schulen saniert, Straßen geflickt und Bibliotheken offengehalten werden müssen, schlägt sie als weiterer Einnahmeverlust durch. Die Kommunen tragen 6 Prozent der offiziellen Staatsschulden. Sie tragen aber den größten Teil dessen, was Bürger als “Staat” konkret erleben.

Wer Geld verteilt, das er nicht hat, verteilt am Ende immer das Geld eines anderen. Die Frage ist nur, wer dieser andere ist.

Der größere Kontext: Schulden und ihre Verteilung

Die deutsche Staatsverschuldung lag Ende 2024 bei rund 2,5 Billionen Euro. Nach Daten des Bundes der Steuerzahler verteilt sie sich grob wie folgt:

  • Bund: rund 70 Prozent
  • Länder: rund 24 Prozent
  • Gemeinden: rund 6 Prozent

Drei von vier Schulden-Euro stehen also beim Bund. Das ist mathematisch nachvollziehbar (der Bund führt die großen Programme), bildet aber eine umgekehrte Pyramide ab: Diejenigen Ebenen, die das meiste tatsächlich umsetzen – Kommunen, Schulen, Krankenhäuser, Polizei vor Ort – sind am wenigsten verschuldet, aber chronisch unterfinanziert.

Noch dramatischer wird das Bild, wenn man die impliziten Schulden einbezieht: Rentenversprechen, Beamtenpensionen, Sozialversicherungs-Zusagen, die heute eingegangen, aber erst in den kommenden Jahrzehnten zu bedienen sind. Die Stiftung Marktwirtschaft beziffert die gesamte Nachhaltigkeitslücke – offizielle plus implizite Schulden – auf rund das Vier- bis Fünffache des Bruttoinlandsprodukts.

Damit wird der eigentliche Spielraum für “großzügige Entlastungen” überschaubar. Veronika Grimm, Mitglied des Sachverständigenrats, hat Anfang 2026 prognostiziert: Schon 2029 werden die Ausgaben für Soziales, Verteidigung und Zinsen die gesamten Einnahmen des Bundes auffressen. Was über diese drei Posten hinausgeht, müsste dann zwangsläufig kreditfinanziert werden.

In einem solchen System ist jede Maßnahme, die Steuereinnahmen reduziert – auch eine populär klingende Prämie – nicht mehr “geschenkt”. Sie ist eine Verschiebung von Lasten. Innerhalb des Staates. Zwischen seinen Ebenen. Und an die Zukunft.

Was das praktisch bedeutet

Wer diese Mechanik einmal sieht, sieht sie überall. In der Debatte um Bildungspakte, die der Bund verspricht und die Länder umsetzen sollen. In den Streitigkeiten um die Krankenhausreform, deren Kosten am Ende auf die Kommunen durchschlagen. In den Subventionen für einzelne Branchen, die aus dem Bundeshaushalt kommen, aber durch entgangene Gewerbesteuer die Standortkommunen treffen.

Es geht nicht darum, ob solche Maßnahmen “richtig” oder “falsch” sind. Es geht darum zu erkennen: Was als Geschenk daherkommt, ist im föderalen Staat fast nie ein Geschenk. Es ist eine Umverteilung – und die Frage ist nur, wer am Ende drauflegt.

Die ehrlichste Beschreibung des aktuellen Zustands lautet: Das deutsche Staatswesen kann sich Reformen, die wirklich an die Substanz gehen, finanziell kaum noch leisten. Was bleibt, sind Verteilungskämpfe um den schrumpfenden Spielraum. Und in diesen Kämpfen wird seltener offen verhandelt, als geräuschlos über Mechanismen wie die ausgefallene Prämie entschieden.

Dass dabei nicht jedes Bundesland mit dem Bund jubelt, ist kein parteipolitisches Drama. Es ist die normale Schwerkraft eines Systems, dem die finanzielle Decke zu kurz geworden ist.


In den nächsten Beiträgen vertiefen wir das Thema: Wie groß ist die tatsächliche deutsche Schuldenlast, wenn man Renten- und Pensionsversprechen einbezieht? Welche Reformen wären rein rechnerisch noch möglich – und welche nicht mehr? Und was bedeutet das alles für jeden Einzelnen, der morgens zur Arbeit fährt und abends fragt, wofür er das eigentlich tut?

Die Antworten sind nicht beruhigend. Aber sie sind klar. Und Klarheit ist immer noch die bessere Grundlage für Entscheidungen als gefühlte Sicherheit.


Geschrieben von Mathis Lenz. Über zwei Jahrzehnte in der deutschen Finanzbranche, tausende Beratungsgespräche, ein Blick auf das System, den die wenigsten Endkunden je zu sehen bekommen. Blind Insights teilt, was hinter den Kulissen wirklich passiert.

Teilen

Newsletter

Bekomm die nächsten
Insights direkt.

Jede Woche ein klarer Gedanke zu Geld, Wirtschaft und Macht.
Kein Spam. Keine Werbung. Jederzeit kündbar.

Powered by Substack